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Der TransBIB Kompetenzpool stellt sich vor - Interview mit Dr. Maria Haase-Möllmann

Ein Einblick in eine beeindruckende Laufbahn: Von Brasiliens Bioethanol-Programm bis zu innovativen Projekten in Mitteldeutschland verbindet Frau Haase-Möllmann Chemieexpertise, internationale Erfahrung und Projektmanagement. Das Interview zeigt, wie sie regionale Strukturen stärkt und Bioökonomie konkret voranbringt.  

Dr. Manfred Kircher: Frau Haase-Möllmann, ich freue mich auf ein interessantes Gespräch mit Ihnen als Expertin für Bioökonomie im Rahmen von TransBIB. Im Vorgespräch habe ich bereits erfahren, dass Sie eine vielsprachige, internationale Karriere in der Bioökonomie vorweisen können. Das wird sicher ein spannendes Gespräch. Vielleicht stellen Sie sich kurz selbst vor.  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Ich bin Chemikerin und habe an der Uni Bremen in organischer Chemie promoviert. Ursprünglich komme ich aus Südbrasilien, wo ich wörtlich in der Pampa geboren wurde. Dort habe ich Chemie als Bachelor und auf Lehramt bis zur Magisterarbeit studiert.  

Dr. Manfred Kircher: Sie haben Brasilien erwähnt – ein Land, das von hier aus weit entfernt ist, aber gleichzeitig gut bekannt: riesig, mit großen pflanzlichen Ressourcen. Welche Erfahrungen bringen Sie von dort mit? Und welche Herausforderungen haben Sie dort kennengelernt? 

Brasilien verfügt über eine sehr etablierte Bioökonomie. Bereits in den 1970er während der Erdölkrise wurde das Bioethanol-Programm aus der Kulturpflanze Rohrzucker entwickelt.

Dr. Maria Haase-Möllmann: Brasilien verfügt über eine sehr etablierte Bioökonomie. Bereits in den 1970ern, während der Erdölkrise, wurde das Bioethanol-Programm aus der Kulturpflanze Rohrzucker entwickelt. Bioökonomie ist in Brasilien aufgrund der natürlichen Ressourcen, aber auch der Fähigkeit, industrielle Bioökonomie in wichtigen Sektoren zu etablieren, Realität. Heute kommt beispielsweise Biodiesel zunehmend zum Einsatz – trotz großer Ölreserven. Das war für mich prägend.  

Dr. Manfred Kircher: Sie haben Bioethanol und Biodiesel erwähnt – beides wird als Treibstoff genutzt, aber auch als Grundstoff für die chemische Industrie. Sie haben selbst in der Chemie gearbeitet. Können Sie uns dazu etwas erzählen?  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Nach meiner Promotion in Deutschland begann meine Karriere hier, um die Jahrtausendwende, in Berlin – zunächst in der Biotechnologie. Ich war als Produktmanagerin und im technischen Marketing tätig, unter anderem in einem Start-up, das Geräte für die Pharmaforschung entwickelte. Später wechselte ich nach Bayern zu einem KMU, wo ich als Projektmanagerin arbeitete. Dort waren meine Sprachkenntnisse – Spanisch und Portugiesisch – wichtig, da wir viele Kunden in Spanien und eine Niederlassung in Brasilien hatten.  

Ich habe Projekte zur „Tropikalisierung“ bestimmter Produkte begleitet und auch eine Rohstoffumstellung der lokalen chemischen Industrie.

Ich habe Projekte zur „Tropikalisierung“ bestimmter Produkte begleitet. Es ging  meistens um Rohstoffumstellung und damit verbundene Eigenschaften von chemischen Spezialitäten, damit sie in den verschiedenen Märkten in der Logistik, Anwendung und in der Kennzeichnung kein Problem darstellen. Außerdem war ich lange Zeit in der Harmonisierung von Vorschriften und Gefahrenklassifizierungen, also RECH, tätig, etwa bei der Umstellung von C8- auf C6-PFAS-Verbindungen und der Einführung fluorfreier Alternativen.  

Dr. Manfred Kircher: Man könnte also sagen, Sie sind sehr erfahren in der Klassifizierung und Regulatorik von Chemieprodukten?  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Genau. Es ging unter anderem um Produkte, die gesprüht werden sollten – wie stuft man deren Gefährdung nach Anwendungsart ein? Das war eine spannende Zeit. Ich habe auch Kunden direkt betreut und sie bei Rohstoffumstellungen begleitet.  

Dr. Manfred Kircher: Das ist ja für die Bioökonomie nach wie vor wichtig. Viele Chemikalien werden immer noch auf Basis fossiler Rohstoffe hergestellt. Jetzt gilt es, sie auf biobasierte Pfade zu lenken. Können Sie dazu noch etwas sagen?  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Bei bestimmten Produkten ist das schwierig, zum Beispiel bei Imprägniermitteln. Wachse für Textilien oder Leder sind nur bedingt geeignet, da braucht man synthetische Polymere oder künstliche Stoffe, die weiterhin aus fossilen Rohstoffen hergestellt werden. Es gab aber auch Umstellungen auf biobasierte Rohstoffe, etwa bei Lösemitteln oder fettlösenden Produkten – hin zu Terpen- oder Terpinolenbasis.  Die Herausforderung liegt darin, dass diese Rohstoffe Naturprodukte sind. Man muss ihre Herkunft und Verarbeitung kennen, da sie nicht so standardisiert sind wie fossile Rohstoffe. Das erfordert mehr Wissen entlang der Wertschöpfungskette. Das zu begleiten, war sehr aufschlussreich und verdeutlichte, wie wichtig enge Verzahnung und Vertrauen innerhalb einer chemischen Produktionskette sind.  

Die Herausforderung [bei der Umstellung auf fossilfreie Quellen] liegt darin, dass diese Rohstoffe Naturprodukte sind. Man muss ihre Herkunft und Verarbeitung kennen, da sie nicht so standardisiert sind wie fossile Rohstoffe. Das erfordert mehr Wissen entlang der Wertschöpfungskette.

Dr. Manfred Kircher:  Sie bringen also Ihr chemisches Fachwissen ein, kombiniert mit Ihrem Wissen zur Anwendung dieser Produkte und zur Regulatorik. Sie haben auch die Wertschöpfung angesprochen, die in der Bioökonomie ja eine zentrale Rolle spielt.  

Dr. Maria Haase-Möllmann:  Genau.  

Dr. Manfred Kircher:  Das ist ein sehr umfassendes Paket, das Sie anbieten können. Kommen wir zu Ihrer aktuellen Position im Landkreis Mansfeld-Südharz. Im Vorgespräch hatten wir schon darüber gesprochen, dass es eine waldreiche Region mit viel Landwirtschaft ist. Nicht ohne Grund hat sich UPM in dieser Gegend beziehungsweise in der Nachbarschaft angesiedelt, um in Leuna ein Werk für biobasierte Chemie aufzubauen. Welche Aufgabe haben Sie dort und was zeichnet diese Region aus?  

Dr. Maria Haase-Möllmann:  Region ist stark landwirtschaftlich geprägt. Rund 60 Prozent der Fläche sind Felder, dazu gehört die sogenannte Goldene Aue. Hinzu kommt ein hoher Waldanteil, denn der Südharz liegt ebenfalls hier, sodass auch die Forstwirtschaft und Holzverarbeitung eine wichtige Rolle spielt. Es gibt eine kleine, aber sehr qualifizierte KMU-Landschaft, die historisch aus dem Kupferbergbau und den nachfolgenden Wertschöpfungsketten in der Metallverarbeitung hervorgegangen ist. Auch Anlagenbau und Anlagentechnik sind stark vertreten. Das bietet eine gute Grundlage für die Entwicklung der Bioökonomie, da man auf innovative Verfahren zurückgreifen muss, um neue Wertschöpfungsketten zu etablieren: lokal produzieren, lokal verarbeiten und biobasierte Produkte für den globalen Markt entwickeln.  

[Die KMU-Landschaft im Landkreis Mansfeld Südharz inklusive Anlagenbau und Anlagentechnik] bietet eine gute Grundlage für die Entwicklung der Bioökonomie, da man auf innovative Verfahren zurückgreifen muss, um neue Wertschöpfungsketten zu etablieren: lokal produzieren, lokal verarbeiten und biobasierte Produkte für den globalen Markt entwickeln.

Diese biobasierten Produkte gehen mit der Transformation der Chemie einher, die aktuell an Fahrt gewinnt. Die Region liegt mitten in Mitteldeutschland und gehört zu den Orten, an denen Innovation verstärkt vorangetrieben werden soll, was auch zu meinen Aufgaben zählt. Konkret entstehen zwei Innovationsorte in der Region. Historische Gebäude werden saniert, unter anderem in Roßla mit dem Schwerpunkt Holz und Klima. Dort wirkt der Projektmanager Florian Heller. Ich selbst konzentriere mich auf das MakerLab in der Lutherstadt Eisleben, wo ein Transfer- und Gründerzentrum sowie Coworking- und Reallabor-Räume entstehen. Ein weiteres für die Region wichtiges Thema hat auch dort Platz, nämlich Telepflege aufgrund des demografischen Wandels und der notwendigen Fachkräftesicherung.  

Meine Aufgabe ist es, die Sanierung der ehemaligen Betriebsberufsschule des Mansfeld-Kombinates zu begleiten und fachlich sowie inhaltlich auf die regionalen Wertschöpfungsketten auszurichten, sodass diese durch einen offenen Innovationsort gestärkt und verstetigt werden. 

Dr. Manfred Kircher: Das klingt sehr spannend. Ich versuche einmal zusammenzufassen, was Sie in den vergangenen Minuten erläutert haben. Wir haben bei einzelnen Chemieprodukten begonnen, ausgehend von Ihrem Chemiestudium. Dann sprachen wir darüber, dass diese Produkte zunehmend auf biobasierte Rohstoffe und Produktionswege umgestellt werden. Sie sind auf Anwendung und Regulatorik eingegangen. Und nun verstehe ich Sie so, dass Sie die Unternehmensebene im Zusammenspiel mit der regionalen Infrastruktur betrachten, also dem Branchenmix in Mansfeld-Südharz. Sie versuchen, Wertschöpfungsketten aufzubauen, indem Unternehmen angezogen werden, die das Potenzial dieser regionalen Struktur nutzen und sich dort weiterentwickeln können.  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Das haben Sie gut zusammengefasst.  

Dr. Manfred Kircher: Das ist ein sehr breites Feld und ein großer Erfahrungsschatz, den Sie hier einbringen. Ich sagte eingangs, dass wir dieses Gespräch im Rahmen von TransBIB führen, dem nationalen Transfernetzwerk, in dem wir ein bundesweites Netzwerk von Expertinnen und Experten aufbauen. Angesichts der Vielfalt an Angeboten, die Sie geschildert haben, würde mich interessieren, wo Sie Ihre besondere Stärke sehen. Aus Ihrer persönlichen Perspektive und auch aus Ihrer Rolle in Mansfeld-Südharz: Welche Kompetenz möchten Sie in TransBIB besonders hervorheben, damit die Leserinnen und Leser eine klare Vorstellung davon bekommen, mit welchen Anliegen sie sich an Sie wenden können?  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Es geht vor allem in Richtung Projektmanagement. Ich habe zahlreiche Projekte von Beginn an begleitet, von der Formulierung der Fragestellung über die Auswahl der Partner bis hin zu den konkreten Schritten zur Zielerreichung.

Durch meine starke fachliche Ausrichtung auf die industrielle Bioökonomie, insbesondere mit chemischen und biochemischen Verfahren, bringe ich sowohl technisches Verständnis als auch Erfahrung in der Projektentwicklung mit. Ich kann einschätzen, welche Partner geeignet sind und wie sie in einer Projektstruktur eingebunden werden können.

Durch meine starke fachliche Ausrichtung auf die industrielle Bioökonomie, insbesondere mit chemischen und biochemischen Verfahren, bringe ich sowohl technisches Verständnis als auch Erfahrung in der Projektentwicklung mit. Ich kann einschätzen, welche Partner geeignet sind und wie sie in eine Projektstruktur eingebunden werden können. Diese Expertise bringe ich nicht nur national in Mitteldeutschland ein, sondern habe sie auch international bereits bei Projekten eingesetzt. 

Dr. Manfred Kircher: Das heißt, es geht um die Definition, Planung und Vorbereitung von Projekten. Welche Voraussetzungen benötigt werden, welche Partner und welche Infrastruktur notwendig sind, um ein Bioökonomieprojekt erfolgreich starten zu können.  

Dr. Maria Haase-Möllmann: Genau.  

Dr. Manfred Kircher: Frau Doktor Haase-Möllmann, ganz herzlichen Dank für dieses Gespräch. Es war sehr interessant, Ihnen zuzuhören, und ich kann mir gut vorstellen, dass im Rahmen von TransBIB Bedarf an Ihrer Expertise besteht. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und hoffe, dass Sie über unser Netzwerk viele wertvolle Kontakte knüpfen können. Vielen Dank.  

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Wir bedanken uns ganz herzlich bei Dr. Maria Haase-Möllmann für das Interview.
Die Fragen stellte der TransBIB-Projektmitarbeiter Dr. Manfred Kircher.